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BESCHREIBUNGEN

 

 

 

Eugen Gomringer

VIELFALT DER GESTALTUNG für den optischen und geistigen Gebrauch

Eine Übersicht über das Werk von Daniel Chiquet von 1994 bis 2010 vereinigt drei Gruppen der Gestaltung: Plastiken, Broschen, Ringe. Das heißt, die Reihenfolge beginnt mit den jüngsten Werken, dominant durch Dimensionen und Farbe und setzt sich fort mit den Broschen, der komplexesten und lebendigsten Gruppe, und überlässt das Ende der Darstellung den Ringen, aber gleichzeitig stehen diese am Beginn des bisherigen Werkes, denn tatsächlich muss einer der Ringe 1994 entstanden sein. Die biographische Entwicklung verlief entgegengesetzt, nämlich chronologisch von der intimen Handhabung des schmückenden Rings bis zu den grossräumlichen Werken der Plastik. Daniel Chiquets Laufbahn setzt ein mit einer Goldschmiedelehre in Basel, woraus sich, möchte man schließen, alles weitere ergab.
Im Überblick ordnet man das gesamte Werk der konstruktiv-konkreten Kunst zu, wobei man die durchgreifende Teilung des einst dualistischen Verständnisses der sogenannten abstrakten Kunst in Betracht zieht, folgte doch dem strengen Manifest von 1930 aus Paris schon bald eine differenziertere Interpretation. So hatte sich die Theoriegruppe um die legendäre Galerie des Eaux Vives in Zürich noch 1944/45 in ihrem Bulletin mit dem Titel „abstrakt/konkret“ beholfen, um auch surrealistische Kunst mit einbeziehen zu können. Aber um sich schliesslich aus dem engsten Zirkel zu befreien, wurde mit dem „konstruktiven Konzept“ und dem Leitbegriff „konstruktiv“ ein neuer Umfang gewonnen, der zugleich an die funktionale Disziplin gemahnt. Sie macht zweifellos den Unterschied aus zum unübersichtlichen Feld der Abstraktionen.
Für Daniel Chiquet, Goldschmied und Künstler in Personalunion, ist die Erfüllung von Funktionaler Bestimmung eine mehrdeutige Aufgabe. Es ist gegeben, an das Vorbild Max Bill zu erinnern, der sozusagen alles auf die Funktion setzte („Schönheit als Funktion und als Funktion“), sich u.a. als Bildhauer ebenfalls mit Schmuck befasste („Warum ich hin und wieder Schmuck herstelle“) und er es war, dem die langlebigste und griffigste Definition der konkreten Kunst zu verdanken ist. Keine Ausführung über konkrete Kunst hat sich verlässlicher durchgesetzt als dies: „obschon jede schöpferische Gestaltung durch Inspiration angeregt wird, ist sie ohne klare und präzise Formung nicht zu vollenden. Durch die Formung nehmen die entstehenden Werke konkrete Form an. Sie werden aus ihrer rein geistigen Existenz in Tatsache umgesetzt. Sie werden zu „optischen und geistigen Gebrauchsgegenständen“ (Max Bill 1936, 1944, 1949). Hier ist Wort für Wort für die intimen wie für die monumentalen Werke von Daniel Chiquet signifikant. Auch wenn die Funktion der Broschen an und für sich die schmückende ist, sind sie als aufregende kleine Plastiken ebenso konstruktiv-funktional gestaltet. Es fällt nicht schwer, einige der kleiner dimensionierten Gebilde sich in fast beliebiger Vergrößerung vorzustellen, denn wie Tektonik und Spannungsverhältnisse in Broschen angelegt sind, demonstriert der Künstler wenigstens in einem Fall per Blaupause. Der geistige Gebrauch seiner Arbeiten ist für Chiquet mindestens so virulent wie die schmückende Funktion.
Kennzeichnend für den Ursprung der geistigen Haltung ist der Ring von 1994 in Edelstahl mit flexiblem Goldelement. Er scheint in seiner Quadratform jeglicher  Schmuckfunktion entwachsen, wäre da nicht das kleine Zusatzelement in Form eines mehrwinkligen Körpers, der die strenge Form schmeichelnd umspielt. Die Beziehung der beiden Elemente ist wie eine Motivation für die Gestaltung von Ringen normaler Bauweise und auch den Bau der Broschen in ihrer Doppelfunktion. Selbst bei einigen monumentalen Plastiken mag der  Verhältnissituation von Teilen in Broschen und Ringen wieder zu begegnen sein. Hier wirkt sich allerdings das Element Fläche, bunt in Farben oder edel im Materialton mit seiner eigenen Ausstrahlung aus. Doch dem wandernden Blick wird immer wieder Abwechslung geboten. Die spielerische Komplikation der Schmuckstücke findet auch im Grossen statt, ein Grund, den Plastiken augenblicklich einen neuen Rang im Repertoire der konstruktiven Formen zuzusprechen. Jetzt kommt auch der am Objekt erzeugte Schatten ins Spiel, der bei den kleinen Objekten keine Rolle spielt. Flächige Wände werden winklig in eine andere Funktion übergeführt. Und ganze Wände erklingen im übertragenen Sinn in einem Licht-und-Schattenspiel. Ist es nicht doch der Goldschmied, aus dessen vielfältiger Gestaltungsleidenschaft und konstruktiv-konkreter Haltung sich alles weitere ergab und ergibt?
© Eugen Gomringer. Dezember 2013

 

Dieter Oehm

TRANSFORMATION VOM ZWEI- INS DREIDIMENSIONALE
 
Daniel Chiquet entwickelt und entwirft als professioneller Edelmetallgestalter
über seine sehr schönen und reduzierten Schmuckstücke (alles Autorenschmuck)
hinaus Stahlplastiken, die sein ästhetisches Arbeiten erweitern und ergänzen.

In neuester Zeit setzt er sich mit einem elementaren Bestandteil des Dreidimensionalen, der Fläche und deren immanenten Potentialen von Räumlichkeit auseinander.
 
Mit seinen konstruktiven Konzepten könnte er der konkreten Kunst zugeordnet werden. Inhaltlich aber findet er, durch seine Art der Transformation, einen Weg diese zu erweitern und zu erneuern, indem er dem Ausgangsmaterial weder etwas hinzufügt noch wegnimmt.

Mittels der Transformation durch Schneiden, Falten und Biegen lässt er aus der zweidimensionalen Fläche heraus komplexe Konstruktionen entstehen und erschliesst so den offenen Raum.

Seine neuen Stahlplastiken zeigen, dass er dabei erfolgreich drei Faktoren als Einheit zusammengebracht hat, LICHT, MATERIAL und FARBE (Farbe = Farbton und Gestalt als Einheit).
 
Seine Art der FALTUNG den offenen Raum der Fläche zu gewinnen ist von hoher ästhetischer Qualität, vor allem konstruktiver Sinnlichkeit. Durch das Licht gewinnen seine nuancenreichen Arbeiten eine originelle, visuelle Lebendigkeit.
Dieter Oehm, 2007